"Jede Quelle ist heilig"

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"Jede Quelle ist heilig"

Beitragvon Sirona » Mi 25. Mär 2015, 13:00

"Jede Quelle ist heilig" (Servius - 400 nach unserer Zeitrechung)

Hier eine Zusammenfassung, die ich vor einiger Zeit geschrieben habe zum Thema hl. Quellen und an ihnen verehrten Gottheiten im festlandkeltischen Raum. Wenig weiß man leider über ewaige Kulte, aber manches läßt sich sicher sinnvoll ableiten. Immer wieder für mich beeindruckend, das man das Wirken der Gottheiten oder die Gottheiten selbst überaus sinnlich erfahren hatte.

Eine sehr bekannte heilige Quelle befindet sich am Ursprung der Seine, Nähe Dijon und dem antiken Alesia. Es finden sich mehrere Inschriften auf Weihgaben, so das gesichert von einer Opferstätte für die Göttin Sequana gesprochen werden kann. Auffällig auch ein gefundenes Bildnis der Göttin: Die 50cm hohe Bronzefigur steht aufrecht in einer Barke in Form einer Ente. Der Vogel trägt im Schnabel eine runde Frucht. Die Figur hatte wohl Attribute in den geöffneten Händen, die jedoch verschwunden sind.

Grundrisse lassen auf einen Vierecktempel schließen; die Quelle wurde umfasst und in ein Becken geleitet aus dem die Gläubigen/Pilger ihr Wasser schöpfen konnten. Geopfert wurden Votive aus Bronzeblech in Form von Augenpaaren, Geschlechtsteilen, menschliche Rümpfe, Münzen (man fand mehrere 100 Münzen). Die Holztafeln mit der Darstellung innerer Organe sind besonders anschaulich dargestellt und zeugen von sehr guten anatomischen Kenntnissen. Sie zeigen weiter wo Heilung erbeten wurde. Votive wurden wohl an einer Holzwand aufgehängt, in den Blechen steckten zum Teil noch die Nägelchen; es fand sich weiter ein Topf mit Weiheinschrift, indem über 800 Münzen steckten incl. Votivbleche. Man nimmt eine Zweitverwendung an indem diese Dinge gesammelt und versteckt wurden um sie vor unrechtmäßigem Zugriff zu schützen. Die Opfer waren Besitz der jeweiligen Gottheit, die das Heiligtum nicht verlassen durften! Auch einige Schmuckstücke wie ein goldener Fingerring, der, der "Dea Sequana" geweiht war, wurden gefunden, wenn auch in geringer Anzahl.

Es wurden über 400 Votive aus Holz (Eiche) und Stein auch in Mitten des Bachverlauf der Seine gefunden. Man nimmt an, das von Zeit zu Zeit Votivgaben aus dem heiligen Bezirk abgeräumt wurden um Platz zuschaffen. Die aufgeräumten Bildnisse wurden dabei schön regelmäßig und platzsparend nebeneinander aufgereiht vorgefunden.

Die Funde sind bis auf wenige Ausnahmen ausschließlich aus gallo-römischer Zeit. Dennoch geht man davon aus, das auch in vorrömischer Zeit dieser Ort verehrt wurde. Besonders der Name der Göttin Sequana läßt auf ein sehr viel höheres Alter des Kults schließen bedenkt man das die keltischen Bewohner des Umlandes sich Sequaner nannten. Vllt war sie auch mehr als eine reine Quellgöttin.

Ähnliches gilt auch für das Quellheiligtum von Hochscheid, das der Sirona und ihrem Partner Grannus geweiht war. Sirona wird hier mit den Attributen Schlange und Ei figürlich dargestellt. Auffällig das meist ihr die persönliche Zuwendung galt. Die meisten gefundenen Votivgaben waren nämlich ihr geweiht. Schlange und Ei können vllt auch als Fruchtbarkeitssymbol gesehen werden. Vllt haben besonders Frauen sie aufgesucht. Wobei die Schlange m.M. ein starkes tranformatorisches Prinzip (“häuten“) innehat. Für mich persönlich ist sie eine ganz besondere weibliche Gottheit, die vllt ebenfalls mehr als “nur” eine Quellgöttin war. Sie ist auch überregional in den keltischen Stämmen bekannt gewesen und verehrt worden.

Auch hier gab es einen Umgangstempel, der über der in Stein gefassten Quelle stand. Anpassungen und Ausbesserungen zeugen davon, dass sich die Quelle hin und wieder einen neuen Austritt gesucht hat. Die Funde sind auch hier überwiegend aus gallo-römischer Zeit. Es sind dort viele Räucherkehlchen gefunden worden, vllt wurde ein ritueller Umgang damit begleitet. An der Quelleinfassung selbst sind auch auffallend viele Trinkbecher gefunden worden, die nochmals als Beweis dienen, das man die Kraft der Heilgottheit unmittelbar sinnlich erfahren hat. Die hier genannten Quellgewässer haben aber aus heutiger wissenschaftlicher Sicht keine Heilzusätze (Mineralien) in ihrem Wasser. Eine Besonderheit ist noch, das in Hochscheid keine Münzen gefunden worden sind.

In der Fachliteratur wird auch der kleine Ort Ihn im Saarland erwähnt. Es wurden hier um die 700 Münzen gefunden, neben Votiven mit Phallusdarstellungen, Fibeln und Glöckchen. Dennoch ist umstritten, das es sich um ein Pilgerheiligtum handelt als eher um das integrierte Hofheiligtum einer Villa Rustica, das aber vermutlich von den Siedlern der Umgebung mit besucht worden sein konnte. Der Name der Flur auf dem sich das Quellheiligtum befindet nennt sich “Sudelfels” und gibt Hinweis auf viele kleine Quellen, die dort entspringen.

Es gibt noch andere Quellfunde von denen man ausgeht, das sie im Rahmen eines Kultes aufgesucht wurden. Besonders wenn es sich zudem um heiße Quellen handelte. Götternamen wie Sirona oder Moritasgus, die sich jeweils belegen lassen, lassen zumindest auf ein hohes Alter schließen, wenn auch hier die Funde überwiegend aus gallo-römischer Zeit stammen. Alte salzhaltige Thermalquellen werden auch heute noch zu Heilanwendungen genutzt. Sehr spannend ist die Quelle von Vèzalay in Frankreich. Sie stammt anhand von Funden (hölzerne Einfassung der Quelle) höchstwahrscheinlich aus der Eisenzeit und ein vorrömisches Alter darf in jedem Fall angenommen werden auch wenn die Carbonmethode in den 50ziger Jahren sicherlich verifiziert werden müsste. Man hat dort aber auch Funde aus der Jungsteinzeit und späteren Bronzezeit gefunden. Allerdings ist der Zusammenhang mit der Quelle nicht wirklich klar. Dagegen scheint die Quelle am Fuß des Mont Lassos (beachte:“Fürstinnengrab von Vix"!) durchaus sicher in der Eisenzeit verehrt worden sein. Es fanden sich hier an die 210 Eisenfibeln eines Types, der auf 600 bis 400 vor unserer Zeitrechnung getragen worden sind. In der Felsgrotte steht heute eine christliche Muttergottes.

Quellkulte gibt es im Brauchtum vereinzelt heute noch. Denke ich an den Brauch in einigen Regionen im Land Osterwasser an einer Quelle oder sonstigem Gewässer holen zugehen. Dem Osterwasser werden besondere Heil- und Schutzkräfte für Mensch und Tier nachgesagt. (Unabhängig von irgendwelchen Heilzusätzen, vllt auch eher magischer Schutz.)Dieser Brauch stammt wahrscheinlich aus vorchristlicher Zeit. Anderswo wie in Egesheim auf der schwäbischen Alb wo bis zum Versiegen der Quelle um 1861 noch Wasser für Krankheiten geholt worden ist.

Weiter wurden auch reine Gewässer wie beispielsweise der Genfer See in kultische Handlungen einbezogen ebenso Moore, Sümpfe und Flüsse. Siehe Funde beispielsweise von Villeneuve am Genfer See. Interessant ist hier eine Holzstatur, die vllt eine keltische Gottheit dargestellt hatte. In iher Armbeuge befand sich eine kleine Barschaft an keltischen Münzen.

Zudem gibt es viele Flussnamen, die zugleich inschriftlich als Götternamen bezeugt sind. (Rhenus = Rhein, Seine= Sequana, die Yvonne= Icauna, die Marne = Matrona oder die Saone = Souconna).

Quellen:

-"Die Gaben der Götter" v. Felix Müller
- andere Materialien, die ich nicht mehr zugeordnet bekomme



Quellheiligtum Hochscheid
http://www.roscheiderhof.de/kulturdb/cl ... p?id=10119

Quellheiligtum Seine
http://www.about-france.de/frankreich/i ... 8414&vid=2
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Re: "Jede Quelle ist heilig"

Beitragvon Rabenvogel » So 29. Mär 2015, 18:40

Danke Dir für den interessanten Text. Auch ich denke das jede Quelle heilig ist. Egal ob die Kelten sie jetzt schon verehrt haben oder nicht. Die Quellen spenden uns auf natürliche Weise das Wasser und das ist wiederum der Quell des Lebens. Muss mir das alles noch genauer durchlesen, habe es eben nur überflogen.
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Re: "Jede Quelle ist heilig"

Beitragvon Sucher » So 29. Mär 2015, 19:05

Auch ich kann mir mühelos vorstellen, dass Quellen auf der ganzen Welt für alle Kulturen schon immer heilig waren, sind und sein werden.

So passt es ja auch: Sie waren für unsere Ahnen heilig und sie sind es für uns ebenso.
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Re: "Jede Quelle ist heilig"

Beitragvon Sedocoinios » Mo 30. Mär 2015, 16:15

Es gibt ja auch die weitverbreitete Deutung ,daß jede Quelle und jeder Fluss ein Abbild der "Urquelle" oder des "urflusses" sei... meist mit der hypothetischen irischen GöttinDanu verbunden. Das sind zwar Gedanken der modernen Keltenesoterik, aber allemal interessant -finde ich.
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Re: "Jede Quelle ist heilig"

Beitragvon Rabenvogel » Mo 30. Mär 2015, 21:10

Nun Quellen spenden Wasser und Wasser ist fürs Leben essentiell. Ob die Kelten darüber hinaus eine Beziehung zum Wasser hatten weißt Du sicher besser als ich. Wird schon seinen Grund haben warum es Flussgottheiten etc. gab und warum man Quellen Göttern geweiht und sie dort verehrt hat.
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Re: "Jede Quelle ist heilig"

Beitragvon Sucher » Mo 30. Mär 2015, 21:46

Rabenvogel hat geschrieben:Nun Quellen spenden Wasser und Wasser ist fürs Leben essentiell.


Mehr als das gibt es nicht. Garantiert.

Außer, man vertraut dem jeweiligen Gewässer darüber hinaus sein Leben an. Das hat dann nochmal seine eigene Qualität. Aber die hat mit der Heiligkeit von Quellen als solchen nicht direkt etwas zu tun.
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Re: "Jede Quelle ist heilig"

Beitragvon Sedocoinios » Di 31. Mär 2015, 15:53

reicht ja auch. wir stammen alle aus dem Wasser...
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