Von den Göttern und der Welt

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Re: Von den Göttern und der Welt

Beitragvon Torc » Fr 25. Apr 2014, 21:20

Ich finde den Text ja doch schon interessant und mag dazu auch ein paar Gedanken äußern, wobei ich mich aber lediglich auf das 1. und 2. Kapitel beziehe. Der Autor versucht hier ja Grundlagen bzw. Leitideen für den Polytheismus allgemein aufzustellen, wobei ich mir beim Lesen des Textes schon manchmal an den Kopf fassen muss, oder mich Frage, was uns der liebe Mann da eigentlich mitteilen wollte. Aber es gibt auch ein paar Dinge, mit denen ich konform gehe.

Zum einen haben wir gleich den Anfang, wo der Autor sagt, dass man, wie er sagt "wohlerzogen" sein muss und ohne "törichten Glaubensvorstellungen aufgewachsen sein" muss. Was genau er damit meint unterliegt der Spekulation, doch die meinigen möchte ich dazu mal mitteilen. Ich gehe davon aus, dass er mit wohlerzogen gebildet meint, wobei ich mir die Frage stelle, wie man damals bzw. der Autor gebildet oder Bildung aufgefasst hat. Wenn man die heutige Definition von Bildung anwendet, also hauptsächlich Faktenwissen (jedenfalls kommts in der Schul- und Bildungspolitik so rüber, aber das ist wieder so ein Thema :D ), denke ich nicht, dass man "gebildet" sein muss, um irgend einer Religion nachzugehen, sei sie monotheistisch, polytheistisch oder sonst was. Ich vermute mal, dass er mit gebildet bzw. wohlerzogen das Vorhandensein einer ausgeprägten philosophischen Kompetenz meint, was ich mir daraus ableite, dass das Gelehrtentum, also die gebildeten Leute, eng mit Philosophie in Verbindung stand und diese eigentlich das Hauptbetätigungsfeld der antiken Gelehrten war. Wenn wir also davon ausgehen, dass philosophische Kompetenz mit Bildung, also mit einer guten Erziehung, gleichzusetzen ist, dann muss ich aber sagen, dass man, egal welcher Religion man angehört, wohlerzogen sein muss, da Religion meiner Meinung nach viel mit Philosophie zu tun hat und auch mit und von ihr lebt. Man kann zwar beobachten, dass sich Anhänger des Polytheismus weitgehender mit Philosophie beschäftigen (ist jetzt nur meine persönliche Beobachtung!), Philosophie ist aber dennoch ein Grundstein von Religiösität und Weltanschauung jeglicher Art.
Was mit törichten Glaubensvorstellungen gemeint ist, weiß ich nicht, aber ich gehe stark davon aus, dass der Autor von christlichen Glaubensvorstellungen redet, da er das Christentum, oder Monotheismen an sich, als töricht und dumm sieht, und deren Anhänger ebenfalls so chrackterisiert, wohingegen der Polytheismus für ihn eine Angelegenheit gebildeter Leute darstellt, so erscheint es mir jedenfalls. Dieses Denken, wenn er so gedacht hat, ist natürlich mehr als vermessen.
Aber ich bin mit ihm schon einer Meinung, wenn er sagt, dass man eben gutes Gemüt, Aufmerksamkeit und Urteilskraft besitzen muss, um sich dem Polytheismus zuzwenden. Unter gutem Gemüt verstehe ich u. a. auch Geduld, und sich mit den Göttern auseinander zu setzen, gerade in unserer Situation, erfordert meiner Meinung nach eine Menge Geduld, auch muss man den Göttern mit dem nötigen Respekt und Dankbarkeit begegnen. Auch die Aufmerksamkeit ist wichtig, denn nur durch sie können wir Zeichen und Botschaften der Götter oder gar ihre Präsenz wahrnehmen. Urteilsvermögen ist immer grundlegend wichtig, aber davon abgesehen muss sich wohl jeder religiöse oder auch nicht-religiöse Mensch mit theologischen und anderen Inhalten bezüglich seiner oder anderer Religionen beschäftigen und sich dazu eine Meinung bilden.

Zum Wesen der Götter:
Da muss sich jeder sein eigenes Bild zu machen, was er davon halten soll, da es ja grunsätzlich mit der eigenen Definition der Götter oder dem Göttlichen zu tun hat. Ich persönlich würde mit ihm nicht einer Meinung sein in den meisten Punkten. Ich stimme mit ihm überein, dass die Essenz des Göttlichen stets vorhanden war und nicht geschaffen wurde, da das Göttliche für mich Prinzipien und gewisse Kräfte sind, die so keinen Ursprung haben. Das Prinzip von Freiheit zum Beispiel kennt keinen Ursprung. Wer oder was hat die Freiheit erfunden? Prinzipien jeglicher Art, ideell oder die der Natur, sind für mich omnipräsente Kräfte, die keinen Urpsrung haben, die sind einfach da und waren es schon immer.
Aus meiner Definition von den Göttern selbst heraus muss ich ihm aber widersprechen, wenn er sagt, dass Gottheiten kein Leid kennen. Götter sind für mich die Personifizierungen dieser Kräfte oder Prinzipien, also in gewisser Weise auch "menschliche" Wesen mit guten und schlechten Seiten, mit Fehlern und Perfektionen. Da ich mir die Götter eben auch als "menschliche" Wesen vorstelle, kennen sie Emotionen genauso wie wir, also auch Leid. Und damit kommen wir auch zum zweiten Punkt, der Örtlichkeit dieser Gottheiten. Er spricht zwar nur die Örtlichkeit des Göttlichen an, aber das hängt ja direkt mit den Göttern zusammen. Da macht sich auch die Trennung bei mir im Pantheon sichtbar zwischen übergeordneten Göttern, die diese omnipräsenten Prinzipien oder Kräfte verköprern, und untergeordneten Göttern, die z. Bsp. bestimmte Teile der Natur repräsentieren. Der Gott Lugh zum Beispiel ist einer der Übergeordneten und vertritt u. a. die Künste und Handwerke, aber auch Licht, also ein Prinzip, das überall vertreten ist, wohingegen Rhenus ein Gott des Rheins ist, also nur eine bestimmte und regionale Naturgewalt vertritt. Daher ist diese Pauschalisierung des Autors, dass alle diese Kräfte ungebunden sind, für mich persönlich Unfug, aus der Sicht meines Verständnises der Götter und des Göttlichen.
Das waren mal meine Gedanken dazu. Hoffe man kann das nachvollziehen und auch was mit anfangen.
Man wäre nicht weise, würde man sich nicht ab und an wie ein Narr verhalten.
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Re: Von den Göttern und der Welt

Beitragvon Sedocoinios » Sa 26. Apr 2014, 11:28

mit Julian rennt man bei mir offene Türen ein, ich bin ja selbst recht stoisch-platonisch beeinflusst...

Julians Lehren als "zu christlich" zu "beschimpfen" finde ich unangebracht... die christliche Morallehre ist IMHO wesentlich mehr von Platon und Aristoteles geprägt als von jüdischen Lehren - die dann wohl "eher heidnisch" anmuten würden?

Ich habe auch Sallustios gerne gelesen... und das "elitäre" ist etwas was die meisten hellenistischen Philosophen kennzeichnet.
"Ich will Zwietracht sähen zwischen den Königen, den Anführern, den tugendhaften Helden und den freien Bauern bis sie sich gegenseitig töten Mann für Mann wenn sie nicht mit mir kommen um mein Fest zu teilen."
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