Weib und Macht - Frauengräber im Saar-Pfalz-Raum

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Weib und Macht - Frauengräber im Saar-Pfalz-Raum

Beitragvon Sirona » Mo 2. Mär 2015, 22:27

Bei Rieckhoff/ Biel ("Die Kelten in Deutschland") habe ich vor einiger Zeit gelesen, das für den heutigen Saar-Pfalz-Raum eine auffällige Anzahl an reich ausgestatteten Frauengräbern dokumentiert sind wie sie in dieser Häufung sonst nicht vorkommen. Ihre Besonderheit liegt mit darin, das vergleichbar ausgestattete Männergräber in dieser Region nicht zu finden sind. Ganz im Gegensatz zu den beherrschenden Männerfürstengräbern der benachbarten Hunsrück-Eifel-Kultur. War der Saar-Pfalz-Raum einst fest in Frauenhand? Diese Frage hat mich fasziniert, sodas ich begonnen habe nach Informationen zu suchen inwiefern das möglich sein könnte.

Die zwei bekanntesten Frauengräber aus dieser Region sind die Fürstinnengräber von Rheinheim und Waldalgesheim. Allen Frauengräbern gemeinsam ist ihre Datierung Ende Hallstatt-Übergang Latènezeit. Im Fürstinnengrab von Waldalgesheim nach dessen Inventarien ein ganzer Epochenstil benannt wurde findet sich u.a. ein wunderschön gearbeiteter Jochaufsatz, mit zwei in die Onamentik eingefügten Wasservögeln. Sehr spannend ist auch ein Büstenblech, das in der Darstellungsweise an den Kessel von Gundestrupp erinnert. Den dargestellten Kopf ziert eine Blattkrone, die uns oft in der Latene-Kunst begegnet wie bei der Stele des Fürsten vom Glauberg.

Die Fürstin soll einen Oberarmring und eine spezielle Schmuckscheibe getragen haben, die ihre Rangstellung nachhaltig betonte, was in dieser Art normalerweise nur Männern zustand. Auch ein zweirädriger Streitwagen wurde ihrem Grab beigegeben was auf eine militärische Konnotation hinweisen könnte. In vielen dieser prunkvollen Frauengräbern des Westhallstattkreis fanden sich auch Bronzespiegel, die evtl. auf mantische, d.h. seherische Funktionen ihrer Trägerinnen hinweisen könnten zumal sie in unmittelbarer Nähe der aufgebarten Frauen zufinden waren wie bei der Fürstin von Rheinheim. Gerade dieses Grab zeichnet sich durch besonderen Reichtum der Beigaben und die religiös motivierte Symblolik verschiedener Fundobjekte aus.

Allgemein kann man zu den Grabfunden sagen, das sie neben sakralen Aspekten auch die politische Bedeutung der bestatteten Frauen zu betonen scheinen. Mit Cartimandua und vor allem Boudica, der Anführerin der Iceni, sind für das 1. Jh. n. Chr. auch gleich zwei Frauen in politischen Führungspositionen literarisch bezeugt. Beide übernehmen die Königswürde von ihren Männern und werden auch als militärische Führerinnen akzeptiert.Cartimandua war Königin der Briganten und regierte nach eigenem Recht. Das nur als Ausnahmeerscheinung zu sehen, immerhin folgten besonders Boudica nicht nur ihre eigenen Krieger bereitwillig, halte ich für fragwürdig. Der römische Geschichtsschreiber Livius deutet zudem matrilineare Erbstrukturen zumindest einzelner Stammesgruppen an. Er schildert wie der König der gallischen Bituriges, Ambigatus, die Söhne seiner Schwester aussandte, um neue Siedelgebiete zu erobern.

Der Reichtum, der hier genannten Frauengräber ist vermutlich in Zusammenhang mit dem Handel zu sehen, lagen viele der Gebiete an günstigen Handelsrouten. In Fachkreisen wird diskutiert, ob diese materielle Grundlage zu einer Festigung bestimmter sozialer Strukturen geführt haben könnte, in der die Vererbbarkeit von Herrschaft auch Frauen innerhalb einer Gruppe bedeutender Familien miteinschloss. Vllt haben Frauen aber generell eine viel bedeutsamere Rolle in der frühkeltischen Zeit gespielt als allgemein angenommen wird. Es bleibt spannend was die Forschung noch herausfinden wird.
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Re: Weib und Macht - Frauengräber im Saar-Pfalz-Raum

Beitragvon Sirona » Mi 4. Mär 2015, 14:09

Interessant noch die Antwort von McClaudia aus dem celtic café zu diesem Thema:

"Auffallend ist die Häufung reicher Frauengräber in dieser Zeit allemal. Da gibts auch noch einige mehr außerhalb.

Es gibt natürlich mehrere Erklärungsmöglichkeiten, die mir einfallen:

- Patriarchat mit toleranter Erbfolge, v.a. bei der Herrscherschicht (Elizabeth I., Bloody Mary, Queen Victoria etc. wären hierfür Beispiele)

- Grundsätzlich frauenfreundliche Gesellschaftsstrukturen, tolerante Erbfolge

- (Herrschaftliche) Demokratie, wobei auch Frauen gewählt werden konnten

- Matrilineare Gesellschaftsform (hält sich auch in kleinen Gesellschaftsgruppen, siehe z.B. Mosuo in China) - antike Beispiele wären z.B. die Lyker

- Irgendwas dazwischen. Andere antike Kulturen hatten auch Zeiten mit vermehrt Königinnen, wie das ptolemaische Ägypten, Lykien, Halikarnassos etc."

Sehr interessant auch das hier:

"Vor Kurzem fand ich bei Hofeneder auch einen faszinierenden Text, der zumindest für einen kleinen Teil Iberiens matrilineare Strukturen beweist:

Strabon, Geographia 3, 4,18:

"..., dass bei den Kantabrern die Männer den Frauen eine Mitgift geben, die Töchter als Erben zurückbleiben und ihre Brüder von diesen an Frauen verheiratet werden (das impliziert eine gewisse Frauenherrschaft, was keineswegs zivilisiert ist). ...."

Eine ähnliche, wenn auch nicht so deutlische Stelle findet man bei Cäsars DBG, wo er die Familienverhältnisse der Britannier beschreibt, wo er eine Art Vielehe beschreibt, wobei die biologische Vaterschaft eher unwichtig ist.

Mein Fazit bei der ganzen Gesellschaftsdebatte: Die meisten historischen und mythologischen Hinweise deuten auf patriarchale Zustände mit Ausnahmefrauen (Landerbinnen oä.).

Für die vorhistorische Zeit und Gebiete ohne historische Beschreibung ist vieles möglich.

Und dann die Handvoll historischen und mythologischen Stellen, die matrilineare oä. Zustände andeuten."
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Re: Weib und Macht - Frauengräber im Saar-Pfalz-Raum

Beitragvon Sucher » Mi 4. Mär 2015, 19:10

Es geht gerade so weiter:

Zitat Wikipedia:
Der Fund eines unberaubten Grabhügels mit einem reich ausgestatteten Fürstengrab der frühen Eisenzeit im Norden Burgunds − die Fürstliche Grabstätte von Vix – wird heute wegen der vielen wertvollen und seltenen Grabbeigaben, besonders auch wegen des Schmucks, der gefunden wurde, einer Frau, der hypothetischen Fürstin von Vix (französisch princesse de Vix) zugeordnet. Das Grab gehört zu einer umfangreichen Ansiedlung im Übergang von der späten Hallstattzeit zur frühen La-Tène-Zeit und wird etwa um das Jahr 500 v. Chr. datiert.
Zitat Ende
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Re: Weib und Macht - Frauengräber im Saar-Pfalz-Raum

Beitragvon Rabenvogel » Mi 4. Mär 2015, 21:02

Das ist ein recht umfangreicher und auch interessanter Komplex. Vor allen weil er aufzeigt das Frauen durchaus eine hohe Position einnehmen konnten. Ich denke die Stellung der Frau könnte auch eines der großen Unterschiede z. B. zu den Römern gewesen sein. Aber bin da viel zu wenig drin um das wirklich so einschätzen zu können.
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Re: Weib und Macht - Frauengräber im Saar-Pfalz-Raum

Beitragvon Sirona » Do 5. Mär 2015, 17:01

Das Grab der "Fürstin von Vix" ist ohnehin sehr spannend. In der Nähe wurden noch zwei weitere Frauengräber mit opulenten Grabbeigaben gefunden wurden. Die Gräber werden der Späthallstattzeit zugeordnet. Die Frauen müssen von Bedeutung gewesen sein. Eine weibliche Frauschaftsdynastie? ;) Spannend sind auch anthropologische Untersuchungen am Skelett der “Fürstin von Vix”. Sie haben ergeben, das sie einiges an körperlichen Beeinträchtigungen gehabt haben muss und das wohl von Geburt an. Eine gebrechliche Frau auf dem "Thron"?
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Re: Weib und Macht - Frauengräber im Saar-Pfalz-Raum

Beitragvon Cosán geal » Do 5. Mär 2015, 19:47

Vielleicht sowas wie eine "Seherin"...
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Re: Weib und Macht - Frauengräber im Saar-Pfalz-Raum

Beitragvon Sucher » Do 5. Mär 2015, 19:50

Lauter interessante Fragestellungen.

Interessant auch, dass dabei immer wieder der Übergang von der Hallstatt- in die Látenezeit anklingt. War das eine besondere Epoche? Und wenn ja: Auf welche Art und Weise?
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Re: Weib und Macht - Frauengräber im Saar-Pfalz-Raum

Beitragvon Sedocoinios » Fr 6. Mär 2015, 14:43

Seherin und oder sogar Königin vermute ich.
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